Dienstag, Oktober 18, 2011

7 Meter

Willkommen in Varanasi, der vielleicht lebendigsten Stadt Indiens. Wir befinden uns im Blue Lassi Shop (nebenbei bemerkt gibt es hier die mit Abstand besten Lassis, die wir auf unserer Indienreise getrunken haben). Aber eigentlich spielt der Ort keine Rolle. Wir könnten uns genauso gut an irgendeinem anderen Punkt der Stadt, zu irgendeiner beliebigen Zeit des Tages befinden und würden wahrscheinlich genau das gleiche erleben, wie an jenem gewählten Ort.
Warum? Weil alles das, was wir Europäer unter „Leben“ verstehen und schön ordentlich in angemessene Kategorien verpacken, hier einfach unsortiert auf die Straße klatscht. Im Umkreis von 7 Metern prasseln verschiedene Zeitalter und Lebensereignisse so abrupt aufeinander, dass die eigenen Bewertungssysteme einfach plattgedrückt werden und nun alles wie auf einem planierten Asphalt nebeneinander liegt.
Wir trinken Lassi und genießen das Reiseleben (50cm), neben uns sitzt eine Gruppe junger Japaner, die den WIFI-Service der Lassibar mit ihren iPhones dankbar annehmen (2m), auf der engen Gasse vor uns kackt eine Kuh genüsslich auf den Lehmboden (4m) und ein kleiner Junge nimmt sich sofort ein Beispiel daran und bewässert den Dünger (4,50m). Ungefähr alle 15 bis 20 Minuten zieht eine Leichenprozession auf dem Weg zum Verbrennungsghat an uns vorüber. Dabei werden seltsame, rituelle Gesänge angestimmt, während aber auch hier ab und zu völlig ungeniert das Handy auf neue Nachrichten untersucht wird. Die Menschen gehen schnell und energisch, um den engen Verbrennungszeitplan einzuhalten. Von lähmender Melancholie oder Verzweiflung können wir nichts bemerken. Vielleicht fehlen aber auch einfach nur Zeit und Geld für diese Art von Luxus, sich aufwendig und ausführlich zu verabschieden. Vielleicht wird hier auch einfach ganz anders mit dem Tod umgegangen. Viel lebendiger, banaler, unerschrockener, gesünder...(5m) Ein Obsthändler schiebt seinen Holzkarren voller schon leicht bräunlich schimmernder Bananen durch die enge Häuserschlucht und weicht geschickt und routiniert den Schlaglöchern und Schlammpfützen aus (5m). Ein Metallhändler auf der gegenüberliegenden Straßenseite hämmert energisch auf eine Art Stahlseil ein, während Glut und Wasser tanzende Dampfschwaden bilden (7m). Eine (vermutlich) europäische Reisegruppe stiefelt im Gänsemarsch an unserem Lassishop vorbei. Sie versuchen, es dem Obsthändler mit seinen Ausweichmanövern gleichzutun, wirken in ihren westlichen Reiseoutfits aber eher überfordert und irgendwie deplatziert (5m). Kinder spielen mit Plastiktüten, als wären diese der Inbegriff aller Kinderträume (die Tüte darf nicht auf den Boden fallen und nur mit den Händen „geschlagen“ werden) (7m). Eine ältere Frau mit vermutlich geliehenem Kind bettelt die erwähnte Reisegruppe an, während unser Lassi einen leicht beklemmenden Beigeschmack bekommt (ein Lassi kostet 40 Rupien (ca. 60 Cent), ungefähr doppelt so viel, wie 25% der Bevölkerung täglich zur Verfügung haben) (5m). Der Duft vom Verbrennungsghat steigt mir in die Nase, oder vielleicht meine ich das auch nur und das Feuer des Werkzeughändlers gegenüber spielt mir einen phantasievollen Streich (7m). Unser Lassihändler bietet uns nun einen Special Lassi (ein mit Marihuana versetzter Joghurtdrink) an (1m). Ich habe aber gar keinen Trip mehr nötig, da das Liveprogramm der Straße alle meine Sinne so sehr berauscht, dass ich mich schon längst von Varanasi verführt fühle. 
Alles scheint seinen unendlichen Gang zu nehmen, und ich habe das Gefühl, Leben und Zeit werden hier gefiltert, um sofort im Anschluss wieder ohne Wertung auf der Straße sich selbst überlassen zu werden. Es gibt keine Hierarchien, keine Regeln und keine Kategorien. Nur den räumlichen Abstand, den wir wie selbstverständlich zu den Ereignissen einnehmen.
7 Meter, die ich mir wie einen Anker selbst als Rahmen gesetzt habe, der in Wirklichkeit nicht existiert.

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