Dienstag, November 22, 2011

Grenzerfahrungen

Mittwoch, 16.11.2011: Letzter Tag in Pokhara... Womit wir ihn verbringen? Essen! :-) Nachmittags versuchen wir, unsere Trekkingstöcke zu verkaufen. Klappt zwar nicht, dafür lernen wir ein nettes Pärchen aus Lörrach kennen (Carolin und Tobias - Ihre Homepage findet ihr auf unserem Blog unter der Linkliste rechts) und gehen mit ihnen spontan was essen (natürlich ins "Olive" den "Machapuchra Kiss"). Nachdem wir im Hotel den Nachtbus zur Grenze gebucht hatten, stellen wir abends am Busbahnhof fest, dass unsere Plätze schon besetzt sind. Es fühlt sich natürlich niemand dafür verantwortlich, sämtliches Bitten oder Diskutieren bringt rein gar nichts...und die anderen haben ja schließlich auch bezahlt (allerdings garantiert nicht den gleichen Preis wie wir)! Unser Visum für Nepal soll am nächsten Tag enden, also rein in den Bus und 12 Stunden überstehen. Hans kann einen kleinen Hocker im Gang ergattern (die stellen da immer noch Hocker und Holzbänke rein, damit der Bus auch ja schön vollgequetscht werden kann), ich zwänge mich auf die Rückbank zwischen 5 männliche Teenies... Sie sind nett, machen Platz und bieten uns Mandarinen an. An Schlaf ist nicht zu denken: der Busfahrer fährt wie ein Wahnsinniger und ich fliege bei jedem Schlagloch fast an die Decke. Nicht zum ersten Mal bin ich dankbar, dass meine Beine nicht so lang sind wie die von Nadja Auermann. Morgens um vier werden wir aus dem Bus geschmissen. Es ist stockdunkel. Wir wissen nicht, wo wir sind und wie wir weiterkommen, niemand im ganzen Bus spricht Englisch! Nach einigen Minuten Warten kommen ein paar Jeeps, die uns zur Grenze bringen, die letztendlich nur 2km entfernt ist... Hätte man auch laufen können... Die indische Behörde macht erst um 6:30 auf. Wir trinken Chai, beobachten das Treiben auf der Straße (auch morgens um vier ist hier schon viel los), lesen, schreiben Tagebuch... Trotz des Schlafmangels fühle ich mich fit, gelassen und zufrieden... Anscheinend hat die Vipassana-Meditation doch gewirkt! Ich bin glücklich, unterwegs zu sein, Abenteuer zu erleben, zu reisen, Chai zu trinken (der schmeckt morgens um vier doppelt so gut!)... Nach 2 1/2 Stunden können wir aus Nepal aus- und in Indien einreisen. Der Unterschied ist krass: Obwohl nur wenige Meter dazwischen liegen, ist es in Indien staubig, laut und vor allem unglaublich dreckig. Überall liegt wieder Müll rum, der Verkehr ist chaotisch, Schlepper versuchen ihre Abzocke, Kioskbesitzer wollen uns Ware verkaufen, Geldwechsler uns weismachen, man könne nirgendwo anders Geld bekommen. Kinder spielen auf der Straße, dazwischen Ochsenkarren, hupende Busse, Essensstände, Chai... Indien! Ich fühle mich wohl in dem Gedränge und lasse mich treiben. Wir finden den local Bus nach Gorakhpur, wo wir uns mit Sarah treffen wollen. Nach zwei Stunden Busfahrt kommen wir an, von Sarah keine Spur. Wir kaufen Samosas und in Fett gebratene, süße Honigkringel. Irgendwann trudelt Sarah am Busbahnhof ein, ihr Bus hatte Verspätung. Aber es klappt dann doch immer alles... Wir nehmen den Nachtbus nach Delhi, 20 Stunden Fahrt. Wir freuen uns, eine Sitzbank zu bekommen. Yuhuu, wir haben eigene Plätze! Und sogar noch nebeneinander! Wie sich doch die Prioritäten ändern... Unterwegs essen wir Chips, quatschen (also hauptsächlich Sarah und ich), versuchen, die ohrenbetäubende indische Musik (Wie können die uralten Lautsprecherboxen im Bus noch so laut funktionieren? Und wieso dauern indische Lieder immer mindestens 20 Minuten?) mit unseren Handy-Playlisten zu übertönen (klappt nicht), trinken an jedem Zwischenstop Chai und probieren, wenigstens ein bißchen Schlaf zu bekommen (klappt auch nicht). Irgendwie geht diese Nacht auch vorbei, und ja, wir sind alle noch gut gelaunt! Zwei Stunden vor Delhi geht der Bus kaputt. Zum Glück haben wir noch 18 Stunden bis zu unserem Flug nach Singapur... Der Busfahrer hält einen vorbeifahrenden Bus an, in dem die Leute schon im Gang stehen. Wie sollen da denn nochmal 50 Menschen reinpassen? Aber das ist ja schließlich Indien: nach 5 Minuten sind wir alle drin. Und Sarah und ich dürfen als Frauen vorne beim Busfahrer sitzen, zwar zwischen Reissäcken und Inderinnen mit Kindern auf dem Schoß, aber: sitzen! Leider ist vorne die Musik auch am lautesten...das indische Gedudel geht mir auf die Nerven und ich bin dann doch froh, als wir endlich in Delhi sind. Unseren letzten Tag in Indien verbringen wir mit Thali essen und durch die Gassen schlendern, bevor wir uns von Sarah verabschieden, die noch zwei Wochen in Indien weiterreist. Der Abschied fällt mir schwer, wir haben viel Zeit miteinander verbracht und das Zusammen-Reisen war nie stressig, immer angenehm und schön. Abends fahren Hans und ich zum Flughafen, da unser Flug am nächsten Tag recht früh geht und wir uns so das Hostel sparen. Dort angekommen teilt man uns mit, dass wir noch nicht reindürfen, erst vier Stunden vor dem Abflug... Das heißt für uns: nachts um vier. Toll, ich wollte doch nochmal zu McDonalds und den leckeren, vegetarischen Spicy Paneer essen... Jetzt gibt es ein Snickers zum Abendbrot... Immerhin dürfen wir in die Wartehalle und dort etwas dösen. Ich treffe eine Amerikanerin, der gesagt wurde, sie müsse ihre Flug nicht bestätigen, sie stehe auf der Liste. Am Flughafen steht sie aber nicht mehr auf der Liste und ihr wird mitgeteilt, dass sie und ihr Mann (der krank in der Flughafenhalle sitzt) nicht fliegen können... Sie hat Tränen in den Augen, lädt uns aber trotzdem zu sich nach Boston ein, sollten wir in den USA sein. Plötzlich erscheinen mir mein Schlafmangel und Hungergefühl komplett unwichtig.
Morgens um vier dürfen wir dann endlich rein. Wir geben unsere schweren Rucksäcke auf und checken leichten Herzens und leichten Gepäcks (aber schweren Augenlider) ein. Im Duty Free Shop suche ich - wie immer - die teuerste Hautcreme und bediene mich am Tester. Auch Parfum wird großzügig aufgesprüht... Danach geht es zu McDonalds...Ja, morgends um vier essen wir Hamburger mit Pommes und es schmeckt ja sooooooo gut! Wir haben noch ein paar Cent übrig, also gibt's auch noch einen McSundae hinterher :-)
Anschließend lege ich mich bei unserem Gate auf den Boden und schlafe...zum ersten Mal seit drei Tagen wieder richtig gut!
Aber leider nur eine Stunde... Ich bin grummelig und würde gern weiterschlafen, muss aber aufstehen und ins Flugzeug einsteigen. Dort werde ich allerdings direkt entschädigt. Singapore Airlines übertrifft meine Erwartungen: die Sitze sind geräumig, die Decken kuschelig, jeder hat seinen kleinen TV mit 80 Filmen sowie einer unglaublichen Musikauswahl vor sich, es werden heiße Erfrischungstücher verteilt, es gibt eine Menükarte zum Auswählen (alkoholische Getränke inklusive), auf dem Klo liegen Zahnbürsten und Kämme zum Mitnehmen, es gibt zwei verschiedene Arten Toilettenpapier (Ich bin begeistert! In Indien gab es nämlich gar keins auf den Klos!) sowie Feuchtigkeitslotionen, duftende Seife und Gesichtswasser. Der pure Luxus!
Nach dem Essen werde ich allerdings direkt wieder vor ein Problem gestellt: Was für einen Film soll ich gucken? Den neuen Harry Potter? Oder doch lieber einen französischen Indie-Film? Ich entschließe mich für seichte Kost: "Friends with benefits" mit Justin Timerlake. Der ist allerdings langweilig...also stöbere ich im Musikprogramm und mache Mahlers Auferstehungssinfonie an. Zum ersten Mal seit langer Zeit höre ich eine Sinfonie nur für mich! Ohne Hinblick auf Schule, ohne jegliche Gedanken an Vorbereitung oder didaktische Reduzierung und mit einem Glas eisgekühlten Baileys vor mir geniesse ich zwei Stunden lang Mahler und auf einmal durchströmt mich ein tiefes Glücksgefühl.
Nach 8 Stunden ruhigem und entspanntem Flug kommen wir in Singapur an, haben allerdings noch keinen Plan, wie es weitergehen soll. Hier bleiben? Nach Hongkong? Oder Hanoi? Wir entscheiden uns für Hongkong, sollten die Flüge nicht zu teuer sein. Es ist allerdings schon Abend, die Ticketschalter haben zu. Also entschließen wir uns, die Nacht am Flughafen zu verbringen, um morgens ggf.direkt weiter zu fliegen. Wer mitgezählt hat: Das ist jetzt die vierte Nacht ohne Bett. Langsam spüre ich den Schlafmangel, bin aber trotzdem irgendwie aufgedreht und vor allem immer noch gelassen. Es wird schon alles irgendwie klappen... Erstmal asiatisches Essen (Flughafenessen ist immer so gut!), danach einen Mocha mit Sahne bei Starbucks. Das Leben ist schön.  
Wir ergattern eine Bank zum Schlafen (ohne nervige Armlehnen wie bei den Stuhlreihen), ich gehe Zähne putzen (Flughafentoiletten sind immer so schön sauber), stöpsel meine Ohren mit Oropax zu, setze meine Schlafbrille auf und kuschel mich in meine gemütliche Singapore Airlines Decke, die ich aus dem Flugzeug mitgenommen habe (das kann jetzt nicht zur Verweigerung des lebenslänglichen Beamtenstatus' führen, oder?). Ich schlafe richtig gut. Bestimmt zwischendrin mal zwei Stunden am Stück. Morgens teilt mir Hans dann allerdings mit, dass es nur noch teure Flüge nach Hongkong gibt. Scheidet also aus. Was machen wir jetzt? Erstmal Frühstück. Ich trinke einen "Milo Dinosaur", das ist ein kalter Malzkakao, auf den nochmal ein Haufen Schokopulver geschüttet wird. Also wer mich kennt: genau das richtige für mich! Wir stellen fest, dass Hanoi auch ausscheidet, da man für Vietnam ein Visum braucht. Also erstmal Singapur! Mit der topmodernen Metro geht es in die Innenstadt, vorbei an Villen mit Swimmingpools, breiten, von Palmen gesäumten Straßen und Hochhäusern. Nach einer Stunde Hostels abgleichen (mein Rucksack wird langsam schwer...) checken wir im süßen "The Little Red Dot" im Dorm ein und ich freue mich, heute Abend endlich mal wieder in einem richtigen Bett schlafen zu können!

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