Donnerstag, Dezember 01, 2011

Tief durchatmen

Tief durchatmen, ruhig Blut, das haben auch schon einige vor dir geschafft. Ein letztes Gebet, eins, zwei, drei, Augen zu und durch! Das Wichtigste ist ein entschlossener Gesichtsausdruck und ein konstanter Gang. Nur nicht versuchen, irgendwie Rücksicht zu nehmen oder irgend etwas besonders toll zu machen. Einfach nur cool bleiben und langsam, aber bestimmt einen Schritt vor den anderen setzen.
Schon brausen links und rechts die ersten Maschinen an mir vorbei. Der Schweiß steht mir auf der Stirn, jetzt bloß nicht die Kontrolle verlieren. Weiter, entschlossener Blick und weiter. Die Motoren donnern mir in den Ohren und ich fühle mich wie eine lebendige Slalomstange, die akrobatisch, aber routiniert von einem Profiskifahrer geschnitten wird. Mit dem Unterschied, dass hier eben nicht ein Skispezialist die Piste herunterbrettert, sondern hunderte, ach was, gefühlte tausend Motorbikeartisten sich durch den Verkehr winden. Und mittendrin ich, wie eine Zielscheibe, bei der es darum geht, möglichst dicht heranzukommen, ohne sie letztendlich aber wirklich zu berühren. Ich fühle mich unwillkürlich an Schillers "Wilhelm Tell" erinnert, jedoch scheine ich anstatt einen Apfel auf dem Kopf eine ganze Jacke aus Äpfeln zu tragen. Wie aus der Armbrust geschossen fliegen die Motorpfeile haarscharf an mir vorbei, krümmen mir aber unerwarteterweise nicht eines davon. Ich kann's nicht glauben, denke jede Sekunde "Gleich erwischt es mich! Gleich erwischt es mich!", um dann wie aus Trance immer wieder verwundert aufzuwachen und festzustellen, dass ich doch noch am Leben bin. Ich schaffe es! Wenige Meter vor der Bordsteinkante macht sich langsam Optimismus breit, nur um mich ein letztes Mal um so tiefer in nackte Todesangst zu versetzen.
Der letzte Mofafahrer hupt mir freundlich zu (als Zeichen des Respekts für den mutigen Ausländer), um dann wie schon hunderte vor ihm wieder in die unendlichen Schlange des Verkehrs einzutauchen. Ich hab's geschafft! Tatsächlich habe ich also auch diese Straßenüberquerung wieder überlebt. Der Schweiß trocknet allmählich auf meiner Stirn und mein Puls nimmt langsam wieder Normalform an. Erleichtert nehme ich auf dem Stadtplan wieder die Orientierung auf. Mist, ich hab mich verguckt. Das gesuchte Hotel ist doch auf der anderen Straßenseite...



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